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Blogartikel 5
Wenn Studien plötzlich „beweisen“ sollen, dass Gefühle keine Rolle spielen
In letzter Zeit kursiert eine provokante Behauptung:
Aktuelle Studien würden zeigen, dass Emotionen im Hundetraining keine Rolle spielen. Man könne
sie sowieso nicht richtig messen, man interpretiere nur. Also sei am Ende nur eines wichtig: dass
trainiert wird – wie, sei egal. Daraus werden dann Sätze abgeleitet wie:
• „Hunde müssen Angst auch mal aushalten.“
• „Gefühle haben im Training nichts verloren.“
Dabei werden immer wieder drei konkrete Studien zitiert:
• „Efficiency of Operant Conditioning in Training German Shepherd Dogs“
• „Out of sight, click in mind: Visual access moderates the effectiveness of marker-based
training“
• „Comparison of the Efficacy and Welfare of Different Training Methods in Stopping
Chasing Behavior in Dogs“ (Johnson & Wynne, 2024)
Dieser Beitrag schaut genau auf diese Arbeiten:
Was wurde tatsächlich untersucht? Wie kommt man überhaupt zu der Interpretation „Emotionen
sind egal“? Und was würde es in deinem Alltag mit Hund bedeuten, Emotionen im Training
wirklich zu ignorieren?
Wie der Eindruck entsteht, Emotionen seien nebensächlich
Alle drei Studien haben eine gemeinsame Ausrichtung:
Sie messen in erster Linie sichtbares Verhalten und Trainingseffizienz:
• Wie schnell lernen Hunde bestimmte Signale?
• Wie zuverlässig unterlassen sie ein unerwünschtes Verhalten (z.B. Hetzen)?
• Welche Methode ist in einem genau definierten Setting „effektiver“?
Emotionen werden dabei entweder gar nicht oder nur am Rand erfasst. Wenn man nun nur die
zusammengefassten Ergebnisse betrachtet, passiert schnell Folgendes:
1. Studien messen vorrangig Verhalten.
2. Die Kernaussage lautet: „Mehrere Methoden führen zum Ziel.“
3. Daraus wird: „Wie man trainiert, ist egal, Hauptsache man trainiert.“
4. Im nächsten Schritt heißt es: „Emotionen sind nur interpretiert, also nicht wichtig.“
Dieser gedankliche Sprung ist verständlich – aber fachlich falsch.
Studie 1: „Efficiency of Operant Conditioning in Training German Shepherd Dogs“
Was wurde untersucht?
In dieser Arbeit werden Deutsche Schäferhunde mit zwei Ansätzen trainiert:
• ein klar strukturierter, belohnungsbasierter, operanter Ansatz
• ein „traditioneller“ Ansatz mit mehr Druck und weniger klarer Struktur
Gemessen wird:
• Wie viele Wiederholungen brauchen die Hunde, um Signale wie „Sitz“, „Platz“, „Steh“,
„Komm“ zu lernen?
• Wie viel Zeit vergeht bis zum Trainingsziel?
Zentrales Ergebnis
• Der operante, belohnungsorientierte Ansatz ist 2,3–3,5 Mal schneller als der traditionelle.
Es geht also ausschließlich um Effizienz: Zeit und Wiederholungen bis zum gelernten Verhalten.
Wie daraus „Emotionen sind egal“ gemacht wird
Die Studie sagt:
• Belohnungsbasiertes, operantes Training ist deutlich effizienter als traditionelles Training.
Sie sagt nicht:
• Hunde fühlen dabei nichts.
• Traditionelles Training sei emotional unproblematisch.
• Emotionen spielten keine Rolle.
Um daraus die Botschaft „Emotionen sind egal“ zu machen, muss man alle nicht gemessenen
Aspekte stillschweigend ausblenden: Stress, Wohlbefinden, Bindung, Motivation.
Die fachlich korrekte Lesart ist:
Diese Studie zeigt, dass klar strukturiertes, belohnungsbasiertes Training besonders effizient ist.
Zu Emotionen macht sie schlicht keine Aussage.
Studie 2: „Out of sight, click in mind – Visual access moderates the effectiveness of marker-based training“
Worum geht es?
In dieser Arbeit wird Markertraining (z.B. Clicker) mit reiner Futterbelohnung ohne Marker
verglichen. Untersucht wird:
• Wie effektiv ist Markertraining im Vergleich zu „nur Futter“,
• und wie verändert sich das, wenn die trainierende Person sichtbar oder nicht sichtbar ist?
Zentrale Ergebnisse
• Wenn die Tiere die trainierende Person nicht sehen, ist Markertraining signifikant
effektiver als Futter-only.
• Wenn Sichtkontakt besteht, sind die Unterschiede deutlich kleiner.
Der Marker dient also vor allem als klares Informationssignal, wenn die visuelle Orientierung am
Menschen fehlt.
Wie daraus „Hauptsache Training“ wird
Wer nur die Schlagzeilen liest, nimmt oft vor allem mit:
• „Mit Clicker lernt der Hund in Setting X schneller.“
• „Mit oder ohne Marker, am Ende lernen sie ja alle.“
Daraus entsteht dann das Narrativ:
„Es gibt verschiedene Wege – Emotionen sind dabei nicht entscheidend, Hauptsache, der Hund
lernt.“
Tatsächlich untersucht die Studie:
• Lernleistung unter bestimmten Rahmenbedingungen
• nicht aber systematisch:
• emotionale Zustände
• Stress- oder Wohlbefindensindikatoren
• Auswirkungen aufs Verhältnis Mensch–Hund
Die fachlich saubere Aussage ist:
Die Studie beschreibt, wann Markertraining gegenüber Futter-only im Vorteil ist – nicht, dass
Emotionen unwichtig wären.
Studie 3: „Comparison of the Efficacy and Welfare of Different Training Methods in Stopping Chasing Behavior in Dogs“ (Johnson & Wynne, 2024)
Was wurde untersucht?
Diese Studie vergleicht verschiedene Methoden, um Hetzverhalten (Chasing) zu stoppen,
insbesondere:
• den Einsatz von E‑Halsbändern durch sehr erfahrene professionelle Trainer:innen
• rein belohnungsbasierte Trainingsansätze mit Futter
Gemessen wird:
• Wie wirksam lassen sich Hunde daran hindern, einer Beuteattrappe hinterherzujagen?
• Welche Hinweise auf das Wohlbefinden der Hunde gibt es?
Zentrale Ergebnisse
• In einem eng definierten Setting können E‑Halsbänder Hetzverhalten unterdrücken.
• Gleichzeitig zeigen viele andere Studien und Übersichtsarbeiten:
• erhöhtes Stress- und Angstrisiko bei aversiven Methoden
• erhebliche Welfare-Bedenken
• keine Notwendigkeit, da belohnungsbasierte Methoden verfügbar und effektiv sind
Fachverbände wie die American Veterinary Society of Animal Behavior empfehlen deshalb
ausdrücklich belohnungsbasierte Trainingsmethoden.
Wie aus dieser Studie „Angst muss der Hund aushalten“ wird
In der verkürzten Darstellung bleibt oft nur übrig:
• „E‑Halsbänder funktionieren.“
Ausgeblendet werden:
• die Welfare-Diskussion,
• die Risiken in der Hand von nicht perfekt geschulten Personen,
• die Vielzahl an Arbeiten, die negative Auswirkungen aversiver Methoden zeigen.
Daraus wird dann:
„Wenn die Methode wirkt, sind Emotionen zweitrangig. Hunde müssen Angst und Druck eben
aushalten.“
Die Studienlage insgesamt stützt diese Aussage nicht. Sie zeigt eher:
Verhalten lässt sich mit verschiedenen Methoden beeinflussen.
Aversive Methoden bringen jedoch ein deutlich höheres Risiko für Stress, Angst und
Beziehungsprobleme mit sich und sind aus Tierschutzsicht nicht nötig.
Was es wirklich bedeuten würde, Emotionen im Hundetraining zu ignorieren
Wenn Emotionen im Hundetraining tatsächlich „egal“ wären, hätte das weitreichende
Konsequenzen – für deinen Hund und für dich.
1. Die Emotionen deines Hundes wären offiziell ohne Bedeutung
Konsequent zu Ende gedacht hieße das:
• Es wäre egal, ob dein Hund:
• Angst vor bestimmten Situationen hat,
• unter dauerhafter Anspannung steht,
• sich unsicher an deiner Seite fühlt,
• gern mit dir kooperiert oder aus Furcht funktioniert.
Entscheidend wäre nur das beobachtbare Verhalten:
• Reagiert er schnell genug?
• Unterlässt er das unerwünschte Verhalten?
Alles, was er dabei innerlich erlebt, wäre nebensächlich.
2. Deine eigenen Gefühle im Training wären ebenfalls unwichtig
Wenn Emotionen wirklich keine Rolle spielen, dürften auch deine Zustände keine Bedeutung
haben:
• Stress nach einem langen Arbeitstag
• Frust über wiederholte Misserfolge
• Verunsicherung, ob du richtig handelst
• Angst, Fehler zu machen
Dein innerer Zustand würde offiziell keinen Einfluss auf euren Trainingsverlauf haben. In der
Realität erleben viele Hundehaltende aber genau das Gegenteil: Die eigene Stimmung färbt deutlich
auf den Hund ab.
3. Du müsstest dich wie eine Maschine verhalten
Die logische Konsequenz wäre ein Trainingsideal, in dem du:
• vollkommen neutral wirkst,
• nie emotional reagierst,
• deinen Hund konsequent nach einem Schema X behandelst – egal, wie er sich dabei fühlt.
Ein Alltag ohne:
• Mitleid, wenn dein Hund sich fürchtet
• Freude über seine Fortschritte
• Berührtheit, wenn er Nähe sucht
Dieses Bild passt weder zu moderner Verhaltensforschung noch zu dem, was viele Menschen sich
im Zusammenleben mit ihrem Hund wünschen.
„Hunde müssen Angst aushalten“ – der Preis hinter dieser Aussage
Wenn Emotionen als unwichtig abgetan werden, öffnet das die Tür für Trainingsideen wie:
• Situationen absichtlich so unangenehm zu machen, dass der Hund Verhalten „lässt“
• mit Schreckreizen, Schmerz oder massivem Druck zu arbeiten
• Angst als akzeptablen Preis für Gehorsam zu betrachten
Die Folge ist ein Hund, der:
• aus Furcht handelt statt aus Verständnis,
• möglicherweise neue Ängste und Unsicherheiten entwickelt,
• die Nähe zum Menschen mit Gefahr statt mit Sicherheit verbindet.
Studien zu aversiven Methoden zeigen immer wieder:
• erhöhte Anzeichen von Stress und Angst
• größere Risiken für problematisches Verhalten
• negative Auswirkungen auf Wohlbefinden und Beziehung
Erfüllst du wirklich die Bedingungen, um Emotionen guten Gewissens zu „ignorieren“?
Wer behauptet, Emotionen im Hundetraining spielten keine Rolle, setzt stillschweigend voraus:
1. Dass alle kurz- und langfristigen Auswirkungen jeder Trainingsmethode vollständig bekannt
und kontrollierbar sind.
2. Dass im Alltag eine Präzision wie im Laborversuch mit Profis erreicht wird.
3. Dass Hunde keine bleibenden Folgen durch wiederholten Stress, Angst oder Überforderung
entwickeln.
4. Dass die innere Verfassung des Menschen keinen relevanten Einfluss auf den Hund hat.
Die entscheidende Frage lautet:
Kannst du persönlich all diese Bedingungen wirklich erfüllen?
Wenn die ehrliche Antwort auch nur an einem Punkt „Nein“ lautet, dann ist klar:
Emotionen im Hundetraining sind kein Störfaktor, sondern ein zentraler Bestandteil – bei deinem
Hund und bei dir.
Was ein emotionsbewusster Umgang im Hundetraining bedeutet
Emotionsbewusstes Training heißt nicht, dass:
• alles immer „kuschelig“ sein muss,
• keinerlei Frust auftreten darf,
• du perfekt sein musst.
Es heißt:
• Du nimmst ernst, wie dein Hund sich in Trainingssituationen fühlt.
• Du erkennst Stress- und Unsicherheitszeichen und passt dein Training an.
• Du arbeitest mit positiver Verstärkung, klaren Strukturen und gut planbaren Schritten.
• Du achtest auch auf deine eigenen Ressourcen und holst dir Unterstützung, wenn deine
Emotionen das Training belasten.
So entsteht ein Alltag, in dem:
• Training nicht gegen, sondern mit den Emotionen deines Hundes funktioniert,
• Vertrauen und Bindung wachsen,
• ihr als Team gemeinsam Lösungen findet.
Fazit: Studien sind kein Freifahrtschein, Gefühle zu ignorieren
Die genannten Studien zeigen:
• wie schnell und effektiv bestimmte Methoden Verhalten verändern können,
• wann Markertraining Vorteile bringt,
• dass auch aversive Methoden Verhalten unterdrücken können – mit Risiken.
Sie zeigen nicht, dass Emotionen unwichtig sind.
Wenn Studienergebnisse vollständig gelesen und mit anderen Arbeiten zur Hundegesundheit, zum
Wohlbefinden und zur Mensch-Hund-Beziehung kombiniert werden, ergibt sich ein anderes Bild:
Emotionsbewusstes, belohnungsbasiertes Hundetraining ist nicht nur fair, sondern auch effektiv und
langfristig sicherer – für deinen Hund und für dich.
Die Frage, die bleibt, ist nicht, ob Emotionen im Training eine Rolle spielen.
Sie lautet:
Wie möchtest du sie gestalten – bewusst und zu eurem Vorteil, oder unbewusst und dem
Zufall überlassen?