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Blogartikel 10
Wenn ein Hund gehen darf: Der Abschied von meiner Fee
Kurz zusammengefasst: Meine Sheltie-Hündin Fee wurde trotz Arthrose, Spondylose und
Lungenproblemen fast 14 Jahre alt. Anhand der HHHHHMM-Skala nach Dr. Alice Villalobos
zeige ich, warum Lebensqualität beim Hund nicht an Aktivität gemessen wird, sondern an
Schmerz, Hunger, Hygiene und guten Tagen – und warum ich Fee am Ende gehen lassen
musste, obwohl sie noch da war.
Fee hätte fast ihren 12. Geburtstag nicht erlebt. Das muss ich vorwegschicken, weil es alles
erklärt, was danach kam. Wir haben damals mit Goldakupunktur gearbeitet, also mit
Goldimplantaten, die an bestimmten Punkten gesetzt werden und die Schmerzverarbeitung
positiv beeinflussen sollen, dazu Schmerzmittel, dazu sehr viel Hoffnung – und aus zwölf
wurden am Ende fast vierzehn Jahre. Zwei Jahre, die ich niemandem geschenkt bekommen
habe, sondern die ich mir mit Fee zusammen erkämpft habe, Woche für Woche,
Tierarztbesuch für Tierarztbesuch. Und jetzt sitze ich hier und schreibe über den Tag, an dem
dieser Kampf zu Ende war. Nicht, weil ich aufgegeben habe. Sondern weil ich zugehört habe.
Wer war Fee eigentlich?
Fee war eine Sheltie-Hündin, 34 Zentimeter groß, 7,2 Kilogramm leicht – eine kleine, zierliche
Erscheinung, die aber überhaupt nicht zierlich gedacht hat. Sie war die Beruhigungsfee für
mein Kleinkind, wortwörtlich, sie hat sich immer genau dann neben das Kind gelegt, wenn es
unruhig wurde, ohne dass sie irgendjemand darum gebeten hätte. Sie war arbeitsbereit bis
zuletzt, hat mitgedacht, mitgemacht, sich nie rausgenommen aus dem, was in der Familie
passiert ist. Und sie war eine Kämpferin – das muss man einfach so sagen, ohne das zu
romantisieren. Sie hat sich durch gesundheitliche Rückschläge gekämpft, die andere Hunde
vielleicht früher aufgegeben hätten. Und durch einen Verlust, der sie, glaube ich, von uns allen
am härtesten getroffen hat.
Ihr erster Ritter war Yuko, unser Cattledog. Er hat sie von Anfang an beschützt. Und Fee? Fee
hat es zurückgegeben, auf ihre ganz eigene Art. Als Yuko krank und alt wurde: Wenn fremde
Hunde zu nah kamen und Yuko Stress hatte, hat diese kleine 34-Zentimeter-Maus sich quer in
den Weg gestellt – ohne Aufforderung, ohne Kommando – und Kontakt zu den fremden Hunden
aufgenommen, damit Yuko mehr Abstand bekam. Sie hat die Rollen getauscht und ließ mich
beim ersten Mal mit offenem Mund dastehen. Bis zum Ende hat sie ihn außerdem ein bisschen
verarscht, wenn sie seinen Liegeplatz wollte, tat sie so, als käme jemand – und er ist immer
wieder drauf reingefallen. Und dann war er weg. 2020. Sie hat sich von ihm verabschiedet.
Lange, intensiv und immer wieder und trotzdem hat sie wie ich, immer wieder nach ihm
geschaut – so wie ich jetzt nach ihr.
Und dann sind da noch die kleinen Dinge, die man nie vergisst. Die Busfahrt mit zehn Jahren –
ganz selbstverständlich, wie ein Profi, als wäre sie nie anders gefahren. Die Ponykutschenfahrt
mit gerade mal neun Monaten. Der heruntergefallene Apfel, den sie mit sechs Monaten erlegt
hat, als wäre das die wichtigste Aufgabe ihres Lebens – meine Familie lacht heute noch
darüber. Die Legofiguren in ihrem Körbchen, die niemand dorthin gelegt hat außer sie selbst.
Und mein einer fehlender Handschuh – immer genau dann, wenn ich nach Hause kam und
schnell zur Toilette musste, hat Fee sich den geschnappt und in ihr Bett getragen. Das ist Fee.
Das war Fee.
Die letzten Wochen: Wie erkennt man, dass ein Hund Schmerzen hat?
In den letzten Wochen sind wir wöchentlich beim Tierarzt gewesen. Wir haben die
Schmerzmittel immer wieder optimiert, angepasst, neu kombiniert. Wir haben KetaminInjektionen probiert, ein Ansatz, der bei chronischen Schmerzzuständen manchmal noch etwas
bewirken kann, wenn andere Mittel an ihre Grenzen kommen – bei Fee hat das leider keine
nachhaltige Wirkung mehr gezeigt. Dazu kam eine zunehmende Kolitis, Schleim im Kot, Nächte
mit Dauerhecheln, in denen sie einfach nicht zur Ruhe gekommen ist.
Und genau hier will ich kurz stehen bleiben, weil das für Hundehalter*innen, die gerade selbst
mit einem alten oder kranken Hund leben, wichtig ist: Schmerz beim Hund zeigt sich selten so,
wie wir uns das vorstellen. Kein Jaulen, kein Humpeln, das jeder sofort erkennt. Sondern
Dauerhecheln in der Nacht. Schleim im Kot. Ein Blick, der leerer wird. Rückzug, der sich
langsam einschleicht. Ein Hund, der den Rücken aufwölbt, der läuft, als würde er auf rohen
Eiern balancieren, der sich kaum noch streckt nach dem Aufstehen – der hat Schmerzen. Der
ist nicht einfach alt. Der geht nicht einfach schon immer so. Diesen Unterschied zu kennen
kann alles verändern. Ein Hund wie Fee hat nicht geklagt – sie hat einfach funktioniert, sie hat
sich auch nicht zurückgezogen, sie wurde immer mehr zu meinem Schatten, bis es fast nicht
mehr ging. Genau deshalb reicht das eigene Bauchgefühl allein oft nicht aus, um zu beurteilen,
wie es einem Hund wirklich geht.
Warum Aktivität kein Maßstab für Lebensqualität beim Hund ist
Ich habe mir lange eingeredet: Solange Fee noch Interesse zeigt, solange sie noch mit dem
Schwanz wedelt, wenn ich nach Hause komme, ist doch alles gut. Das ist ein Trugschluss, den
viele Hundehalter*innen teilen, und die Wissenschaft widerspricht dem ziemlich klar.
Die HHHHHMM-Skala nach Dr. Alice Villalobos ist ein Instrument, das genau für diese Situation
entwickelt wurde – sie ist unter anderem in Oncology Outlook veröffentlicht und in den
Leitlinien der International Association for Animal Hospice and Palliative Care (IAAHPC)
verankert. Sie bewertet sieben Kategorien: Hurt (Schmerz), Hunger, Hydration, Hygiene,
Happiness (Zufriedenheit), Mobility (Beweglichkeit) und More good days than bad (mehr gute
als schlechte Tage). Jede Kategorie wird mit bis zu zehn Punkten bewertet, macht insgesamt
maximal 70 Punkte. Als Richtwert gilt: Ab 35 Punkten spricht man von einer noch akzeptablen
Lebensqualität.
Fee lag zuletzt bei 23 bis 31 Punkten. Deutlich unter dieser Schwelle. Und das, obwohl sie auf
den ersten Blick noch „mitgemacht“ hat.
Ergänzend arbeiten Tierärzt*innen bei chronischen Schmerzzuständen mit dem Helsinki
Chronic Pain Index, einem validierten Fragebogen, den auch Halter*innen zu Hause ausfüllen
können, um die Schmerzentwicklung ihres Hundes über die Zeit zu verfolgen (Hielm-Björkman
et al., 2009). Für akute Schmerzsituationen, etwa nach Eingriffen, kommt außerdem die
Glasgow Composite Measure Pain Scale zum Einsatz, deren Kurzform bei einem Wert ab 5 von
20 Punkten eine Schmerzmittelgabe empfiehlt. Diese Skalen ersetzen nicht das eigene Gefühl
für den Hund – aber sie holen die Entscheidung raus aus dem reinen Bauchgefühl und rein in
etwas, das man greifen kann.
Die Entscheidung: Wenn es medizinisch keinen Weg mehr gibt
Irgendwann gab es einfach keine sinnvolle Stellschraube mehr. Die Medikamente konnte ich
nicht absetzen, weil sie dann noch schlechter Luft bekam oder noch mehr Schmerzen hatte.
Die Magenschoner haben alles eher schlimmer gemacht, weil ihr davon übel wurde und sie
sich teilweise sogar übergeben musste. Und dann kam schwarzer Schleim im Kot dazu.
Spätestens da war für mich klar, dass es nicht mehr nur um alt, schwach oder irgendwie
angeschlagen ging. Irgendwo in ihr drin hatte es angefangen zu bluten.
Nach der vierten Nacht mit Dauerhecheln, Unruhe, Schleim im Kot und diesem ständigen Hinund Herlaufen wollte ich ihr keine weitere Nacht mehr zumuten. Auch dann nicht, wenn sie
tagsüber noch Kekse verfolgt hat oder mit wollte. Genau das war ja das Schwierige: Sie war
noch da. Aber sie hatte keine echte Ruhe mehr. Und genau darum geht es am Ende. Nicht nur
darum, ob ein Hund noch frisst oder noch mitkommt. Sondern ob dieses Leben für ihn noch
lebenswert ist.
Schuldgefühle nach dem Einschläfern: Was sagt die Wissenschaft dazu?
Schuldgefühle nach dem Einschläfern eines Hundes sind ein fast universelles Phänomen unter
Hundehalter*innen, die eine solche Entscheidung treffen mussten. Das ändert nichts daran,
dass sie sich anfühlen, als hätte man etwas falsch gemacht. Aber genau das ist der Punkt:
Schuldgefühle sind ein emotionales Echo der Verantwortung, die man für ein Lebewesen
übernommen hat – sie sind kein objektiver Maßstab dafür, ob eine Entscheidung richtig war.
Wenn eine Lebensqualitätsskala wie die HHHHHMM-Skala über Wochen konstant unter dem
Schwellenwert liegt, wenn die medizinischen Optionen ausgeschöpft sind, wenn ein Hund
Anzeichen wie innere Blutungen zeigt – dann ist das Einschläfern keine Entscheidung gegen
den Hund, sondern die letzte Entscheidung für ihn. Mir hilft der Satz: du nimmst ihr nicht die
guten Momente – du ersparst ihr die Schlechten. Ich sage das nicht, um mich selbst zu
beruhigen. Ich sage das, weil ich es nach allem, was ich über Schmerz und Lebensqualität bei
Hunden weiß, so stehen lassen kann.
Abschied und Dankbarkeit
Liebe Fee,
ich denke an die Busfahrt, die du mit zehn Jahren mitgemacht hast, ganz selbstverständlich,
als wäre es nichts. An die Ponykutsche, mit gerade mal neun Monaten, als du so mitten in der
Jugendentwicklung warst. An Yuko, deinen ersten Ritter, der dich beschützt hat, ohne dass es
dafür Worte brauchte. An die Apfel-Episode, über die wir immer noch lachen müssen. An die
Legofiguren in deinem Körbchen, die niemand von uns dorthin gelegt hat außer dir selbst. Ich
denke an die vielen Momente, Vorführungen, Turniere, Spaziergänge, Seminare,
Kursbegleitungen – an unser Leben, an meine Zeit mit dir an meiner Seite.
Selbst die Bestatterin sagte erst entzückt: „oooohhhhh, die ist aber….“ – und dann merkte sie
wohl selbst, dass das in dem Moment nicht passt, weil Fee ja tot war. Aber genau so sah sie
aus. Sie hat ihre Optik nicht verändert. Ich bin sicher, dass ich richtig gehandelt habe – aber es
fühlte sich so falsch an. Und sie fehlt einfach.
Sie ist nicht weg
Ich habe lange gebraucht, um diesen Text zu schreiben, und ich glaube, ich habe ihn nicht für
andere geschrieben, sondern zuerst für mich. Aber wenn du gerade selbst an dem Punkt
stehst, an dem du dich fragst, ob es Zeit ist, deinen Hund gehen zu lassen: Schau nicht nur
darauf, ob er noch mit dem Schwanz wedelt. Schau auf die Skalen, auf die Fakten, auf die Tage
und vorallem die Nächte, ob die wirklich noch gut sind. Und dann vertrau dir.
Wir sehen uns, Fee. Ich weiß – du bist nicht weg.
Häufige Fragen zum Thema Lebensqualität und Einschläfern beim Hund
Woran erkenne ich, dass mein Hund Schmerzen hat?
Hunde zeigen Schmerzen selten offensichtlich. Typische, oft übersehene Anzeichen sind
Dauerhecheln in Ruhephasen, verändertes Kotverhalten (z. B. Schleim im Kot), Rückzug, ein
leerer werdender Blick und eine sinkende Reaktionsfreude – nicht immer Humpeln oder Jaulen.
Was ist die HHHHHMM-Skala und wie funktioniert sie?
Die HHHHHMM-Skala nach Dr. Alice Villalobos bewertet Hurt, Hunger, Hydration, Hygiene,
Happiness, Mobility und More good days than bad mit je bis zu 10 Punkten (max. 70 Punkte).
Ab 35 Punkten gilt die Lebensqualität als noch akzeptabel; darunter sollte die Situation kritisch
überprüft werden.
Ist Aktivität ein zuverlässiges Zeichen für gute Lebensqualität beim Hund?
Nein. Ein Hund kann noch Interesse zeigen oder mit dem Schwanz wedeln und trotzdem eine
niedrige Lebensqualität haben. Composite-Skalen wie die HHHHHMM-Skala oder der Helsinki
Chronic Pain Index liefern ein objektiveres Bild als die reine Beobachtung von Aktivität.
Wie fühlt es sich an, einen Hund einschläfern zu lassen, und sind Schuldgefühle normal?
Ja, Schuldgefühle nach dem Einschläfern eines Hundes sind unter Hundehalter*innen weit
verbreitet. Sie zeigen die tiefe Verantwortung, die man für den Hund empfunden hat – sie
sagen aber nichts darüber aus, ob die Entscheidung medizinisch und ethisch richtig war.
Wann sollte man mit dem Tierarzt über eine Lebensqualitätsskala sprechen?
Sobald ein Hund chronische Schmerzen, mehrere Diagnosen gleichzeitig oder eine erkennbare
Verschlechterung über Wochen zeigt, lohnt sich das Gespräch über eine strukturierte
Lebensqualitätsskala – idealerweise, bevor eine akute Krise die Entscheidung erzwingt.